Rückblick: Das UXCampEurope 2010 (Sonntag)
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Der Sonntag begann wieder gegen 10 Uhr mit dem Session-Planning im Hörsaal. Diverse müde Gesichter und zahlreiche Plätze, die sich erst nach und nach füllten, zeugten von der Qualität der nächtlichen Party. Für den Sonntag waren fünf Timeslots für Sessions reserviert, von denen der Letzte aufgrund der hohen Nachfrage komplett für den zweiten Vortrag von Eric Reiss reserviert wurde. So kam das UXCamp schließlich noch zu einer gefeierten Keynote (siehe unten). Desweiteren verschlug es mich auf die folgenden Sessions (wieder hatte ich in jedem Slot die Qual der Wahl zwischen verschiedenen, hochinteressanten Themen, leider habe ich mich mindestens einmal falsch entschieden):
1. Session: Information Sharing in Companies
Carmen Fehrenbach richtete Ihre Session zum Teilen von Informationen in Unternehmen als interaktiven Workshop aus. Zuerst sollten sich alle Teilnehmer entlang einer Skala von 1 bis 10, als Indikator wie gut sie das Information Sharing in Ihren Unternehmen einschätzen würden (1 = nicht vorhanden, 10 = perfekt), anordnen. Anhand dieser Reihenfolge wurde eine Aufteilung in zwei Gruppen vorgenommen, die kollaborativ jeweils eine Mindmaps an der Tafel entwickeln sollten. Hierbei sollte die Gruppe aus Firmen mit eher besserem Informationsaustausch zusammentragen, welche Werkzeuge, Prozesse und kulturellen Faktoren bei ihnen positiv zum Information Sharing beitragen. Die andere Gruppe sollte ergründen, warum dieser Prozess so schwierig ist. Im Anschluss wurden beide Mindmaps präsentiert und diskutiert. So scheitert Informationsaustausch in der Regel am Fehlen einer „Kultur des Teilens“, am Mangel an Zeit während Projekten und an falschen Werkzeugen (z.B. Dokumentation nur in Word-Dokumenten). Ein weiterhin großes Hemmnis ist, dass das Teilen von Informationen in der Regel von den Vorgesetzten nicht belohnt wird. Positiv hingegen wirkt sich selbstverständlich der Einsatz typischer Tools wie Wikis und Blogs oder die Verbreitung von kurzen Informationshäppchen über firmeninterne Twitter-Server (z.B. laconi.ca ) aus. Neben eine generell gut funktionierenden Kultur des Teilens wurden von einigen Firmen positive Beispiele von sogenannten Champions (für jedes Projekt gibt es ein Team-Mitglied, das sich für dieses verantwortlich fühlt – zusätzlich zum Projektmanager), Spezialisten (für jede Technologie gibt es eine Person im Team, die sich besonders gut damit auskennt und die damit für alle der Ansprechpartner ist) oder firmeninternen Barcamps (die ganze Firma geht für einige Tage an einem anderen Ort in Klausur und jeder hält Vorträge aus seinem Erfahrungsbereich) hervorgehoben.
2. Session: Making the User Smile – Emotional Design
Diese Session hätte eigentlich unbedingt eines größeren Raumes bedurft, die Besucher stapelten sich wortwörtlich oder saßen gleich auf dem Boden des Seminarraumes. Remy Blättler von der Schweizer Textagentur Supertext wurde dann auch dem großen Interesse gerecht und hielt eine spannende Präsentation zu der Emotionalisierung von Design und Kommunikation.
Remy wählte als Ausgangsbasis eine angepasste Version der Maslowschen Bedürfnispyramide, die er als Bedürfnishierarchie des Nutzers bezeichnete: Zu aller erst, in der untersten Ebene, braucht ein Nutzer Funktionen, in der zweiten Ebene müssen diese Funktionen verlässlich sein und in der dritten benutzbar. Darüber thront als höchste Ebene, die es zu erreichen gilt, die Freude an der Bedienung. Im Anschluss brachte Remy viele gute Beispiele für emotionales Design (z.B. der Einkaufswagen, der sich freut, wenn man Produkte hineinlegt und das Mailchimp-Maskottchen), zeigte viele Einsatzpunkte (Teamseiten von Firmen bieten eine gute Gelegenheit, siehe unsere „Mitarbeiter des Moments“) und erklärte, wie man persönliche und nicht personalisierte Firmenkommunikation erreicht (Tipp: im CRM speichern, ob man „per Du“ oder „per Sie“ ist). Der Vortrag endete mit dem Apell, Emotionalität stets behutsam und nie auf Kosten der Usability einzusetzen.
3. Session: Sketching for Interaction
Die dritte Session am Sonntag drehte sich um die Findung einer neuen, praktischen und leicht zu erlernenden Notation zur Konzeption von Nutzerschnittstellen. Die hauptsächlich als Workshop konzipierte Session blieb leider aufgrund der sehr zurückhaltenden Moderation ohne wirkliches Ergebnis. Trotzdem gab es einigen interessanten Austausch.
4. Session: Designing the Social Intranet
Diese Session war ein Brainstorming für zukünftige soziale Funktionen von Unternehmens-Intranets. Ich war allerdings nur physikalisch anwesend, es war aber (glaube ich) auch nicht so spannend.
5. Session: e-Services (Keynote)
Nach den eher semi-spannenden Sessions 3 und 4 nährte sich das UXCampEurope langsam aber sicher seinem Ende. Zum Glück stand noch der Höhepunkt des Tages auf dem Plan: die zur Keynote umgewandelte Session von Eric Reiss (Buch-Autor und CEO FatDUX Group) mit dem Titel „e-Services“. Der in Kopenhagen lebende und arbeitende US-Amerikaner ist ein sehr leidenschaftlicher und unterhaltsamer Redner, der sich gerne über die alltäglichen Unzulänglichkeiten von Interfaces und Dienstleistern aufregt. Und ihm dabei zuzuhören macht sehr viel Spaß.
Foto: Henning Grote (Blaue Botschaft, UXCampEurope)
Der „Grumpy Old Man“ erklärte, was Dienstleistungen im Gegensatz zu üblichen Lehrbuchdefinitionen eigentlich sind („An intangible event that helps us achieve something“), wie man dieses insbesondere mit Serviceleistungen im Web erreicht, dass 83% Kundenzufriedenheit noch lange nicht gut sind (Kundenloyalität steigt erst ab 90% so richtig) und dass unglückliche Kunden gefährlich sind: Glückliche Kunden erzählen im Schnitt drei Bekannten von ihrer positiven Erfahrung, unglückliche erzählen 17 (!) anderen von einer negativen Erfahrung – und diese Zahlen stammen aus Zeiten vor dem Durchbruch von Social Media. Richtig unterhaltsam wurde es, wenn er sich über schlechten Kundenservice von eBay, British Airways (auf 11 seiner letzten 12 Flüge ging Gepäck verloren) und Wine.com aufregte, dabei teilweise aufs Pult sprang und sich von dort aus weiter aufregte. Auch der Werbespruch der Entsorgungsfirma auf der Mülltonne seiner Mutter in Florida („Delivering Excellence every Day“) kam nicht gut weg: „This is bullshit, they are not delivering anything, they are taking something away. Nobody wants to get anything delivered by the garbage truck. And, by the way, they are not doing it every day anyway, just once a week!“
Wer die Möglichkeit hat, irgendwo mal einen Vortrag von Eric zu hören, sollte dem unbedingt nachgehen &ndash man wird wunderbar unterhalten. An seinen Vortrag schloss sich dann die Abschlussrunde an. Das von den Teilnehmern geäußerte Feedback war – keine Überraschung – durchgehend positiv. Wie viele weitere äußerte auch der Teilnehmer mit der (mit Abstand) weitesten Anreise, Ranjeet Kumar aus Indien, dass dieses die beste Konferenz ist, auf der er jemals war. Auch ohne bisherige Barcamp-Erfahrung kann ich mich dem positiven Feedback nur anschließen. Das UXCampEurope 2010 war eine wirklich sympathische, vielfältige und wertvolle Veranstaltung, auf der ich viel gelernt habe. Ich hoffe zudem, dass das Europa-Konzept beibehalten wird. Die Zusammenstellung der Teilnehmer, nicht nur aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen sondern auch aus den unterschiedlichsten Ländern, war der perfekte Nährboden für viel Kreativität und interessanten Austausch.
Abschließend möchte ich – und man kann es nicht oft genug sagen – dem Organisationsteam ein riesiges Dankeschön für die perfekte Planung und Ausrichtung dieses unglaublich reichhaltigen und inspirierenden Barcamps danken, besser geht es wahrscheinlich wirklich nicht. Natürlich geht ein weiteres großes Dankeschön an alle Session-Halter und alle anderen Teilnehmer, die das UXCamp mit interessanten Inhalten gefüllt und mit ihrer Persönlichkeit bereichert haben.
UXCampEurope 2011, ich bin auf jeden Fall dabei!
Alle 49 Fotos gibt es auf Flickr
Links
- Community-Seite des UXCamp 2010 auf Mixxt
- Foto-Pool auf Flickr
- Twitter-Stream vom UXCamp
- Diverse Vortragsfolien
Weitere Beiträge zur Berlin Web Week in unserem Blog
Dieser Beitrag wurde von Wolf Brüning am 03. Juni 2010 verfasst.
Kategorien: Messen & Konferenzen



Kommentare
1 Wolf Brüning am 07. Juni 2010 um 19:25
Hallo Remy, danke für den Hinweis. Ich hatte das Beispiel mit dem fröhlichen/traurigen Einkaufswagen vergessen und mal kraft eigener Arroganz den Threadless-Einkaufswagen eingebaut. Sobald Deine Folien auf Slideshare sind, werde ich sie hier mal embedden. Viele Grüße in die Schweiz, Wolf
2 Remy Blättler am 07. Juni 2010 um 09:54
Vielen Dank für die Blumen! Den Einkaufswagen habe ich von http://photojojo.com/store, aber offensichtlich hatten andere diese Idee auch schon :-) Meine Slides habe ich auf unseren Blog kopiert: http://blog.supertext.ch/2010/05/make-the-user-smile-emotional-design/ Werde es heute auch noch auf Slideshare laden.