re:publica 2011 Nachlese
Mittlerweile ist die re:publica 2011 schon fast zwei Wochen vorbei und das Netz ist übervoll mit Berichten. Daher will ich auch nicht zu einem großen Rundumschlag ausholen, der hier jeglichen Rahmen sprengen würde, sondern lieber einige besondere Eindrücke schildern:
Erlebnisse
Der erste re:publica-Tag begann ganz gemäß mit non-Stop-Anreise im InterRegio Express „Otto der Große“, dem rollenden Magdeburg-Botschafter, samt von Scholz+Friends aufgeleimten Schriftzug: „Otto hat Zugkraft“. Bereits in der Straßenbahn in Magdeburg hab ich Malte getroffen und wir beide sollten auch nicht die einzige Magdeburger Repräsentanz auf der re:publica sein, beim Check-In im Friedrichstadtpalast (FSP) wurde Torsten gesichtet und wenig später auch Gregor.
Der erste Event war der Kategorie „Fun“ zuzuordnen und fand noch vor der Eröffnungsveranstaltung statt: Beim „Mettmob“ wurde die Bäckerei schräg gegenüber vom FSP von gut 60-70 re:publica-Besuchern heimgesucht, die alle Mettbrötchen kaufen wollten. Die arme Bäckereifachangestellte kam aus dem Schmieren nicht mehr heraus, doch ihr Scheitern war nur eine Frage der Zeit. Das letzte Drittel der Wartenden war noch nicht versorgt doch das Mett war alle, die Parole „Mozarella ist das neue Mett“ musste ausgegeben werden.
Im Anschluss an die Auftaktveranstaltung und die erste Keynote von IDEO-Deutschland-Chef Philipp Schäfer begann die Qual der Wahl: Bis zu acht Sessions fanden gleichzeitig in den Locations FSP, Quatsch-Comedy-Club und der Kalkscheune statt und bereits am ersten Vormittag hatten wir das gesamte Qualitätsspektrum von interessant und gut bin hin zu planlos und langweilig durchgemacht.
Sehr gefreut habe ich mich aber, dass unser ehemaliger RIA- und Web-Entwickler Gregor eine extrem gut besuchte Session zum Thema Visueller Datenjournalismus gehalten hat. Und nicht nur in dieser Session konnte man sich dem aktuellen Weltgeschehen, insbesondere der Nuklearkatastrophe in Fukushima und den Revolutionen in Nordafrika und dem nahem Osten nicht entziehen. So gab es zahlreiche interessante Session zu Aktivismus und gesellschaftlicher Umschwung im Netz unter anderem aus dem Netzwerk von Global Voices.
Am Abend des ersten Tages gab es zur Zerstreuung noch den gut besuchten Vortrag von Sascha Lobo, der mit einer minutenlangen Beschimpfung des Publikums und seinen Anekdoten zum Umgang mit Trollen in Foren und Blogs zu unterhalten wusste (sehenswert):
Der (zu recht!) am häufigsten verbreitete und empfohlene Videolink der diesjährigen re:publica war aber die Keynote „Das Internet als Gesellschaftsbetriebssystem“ vom IBM-Cheftechnologen Gunter Dueck am Donnerstag. Mit fast schon kabarettistischem Humor erklärte Dueck seine Theorie des zukünftigen Arbeitsmarktes, der sich nicht mehr auf Basis des erworbenen Wissens in besser und schlechter Verdienende teilen wird. Da Wissen immer einfacher verfügbar ist und gleichzeitig schneller veraltet, wird zukünftig eine Trennlinie zwischen denen gezogen werden, die eine professionelle Einstellung und die richtigen Softskills mitbringen („Pros“) und denen, die dieses vermissen lassen („Unpros“). Das Thema ist sehr interessant und Dueck zudem ein höchst unterhaltsamer Redner, ich kann nur jedem den anschließenden YouTube-Mitschnitt empfehlen, auch wenn leider die ersten Minuten fehlen:
Weitere besonders herausragende und inspirierende Sessions waren Wir sind der Urheber - Geistiges Eigentum vs. Kreativität 2.0, die Vorstellung von OpenLeaks durch den ehemaligen WikiLeaks-Mann Daniel Domscheit-Berg, Cyberwar und seine Folgen für die Informationsgesellschaft (sehr kompetent: Dr. Sandro Gaycken) und Information sowie Gestalt und Prognosen zum Menschen von Morgen (hierbei besonders Interessant, Redner Steffen Hoellein: „in den Neunzigern sind wir von Unternehmen mit Hubschraubern eingeflogen worden, um Videos in Powerpoint-Folien einzubauen“).
Skurrile Anekdote am Rande: Die Verleihung der nicht ganz ernst gemeinten Awesome Awards musste ausfallen, da die Mitglieder des Awesome Foundation Chapters Berlin einfach nicht anwesend waren. Da allerdings im Publikum mehrere Mitglieder des Schweizer Chapters saßen, haben diese kurzerhand die Session gekapert und aus dem Stegreif ihr Engagement vorgestellt. Das war auf jeden Fall awesome!
Erkenntnisse
Aber was bleibt von der re:publica 2011? Die größte Erkenntnis ist, dass man hier keine fachliche Weiterbildung erwarten kann, dazu ist die Konferenz viel zu breit gefächert und auch nicht gedacht. Es geht um Menschen und Themen. Wer sich inspirieren lassen oder neue Themen kennen lernen will, wer spannenden Rednern zuhören und interessante Menschen treffen will, der ist hier genau richtig aufgehoben. Wer ein bestimmtes Thema vertiefen oder sich darin weiterbilden will, der wird eher mit einem Barcamp zu diesem Thema oder durch Selbststudium im Internet (Gunter Dueck lässt grüßen) glücklich. So waren auch die Veranstaltungen „drumrum“, wie das Mittagessen der Social Media Akademie, der Frühschoppen der PR-Agentur public link und die abendlichen Parties als Rahmen zum Kennenlernen, Netzwerken und Diskutieren deutlich interessanter als viele Sessions. Mein Tipp für das nächste Jahr: Die Sessions nach dem Redner wählen, nicht nach dem Thema. Nebenbei bemerkt: Die Sessions der Sponsoren besser vermeiden, habe nur Schlechtes von gehört.
Zu eine ähnlichen Erkenntnis kommt übrigens auch Robert Basic mit dem folgenden schönen Zitat:
„Die re:publica ist letztlich wie eine Art orientalischer Basar. Einmalig in dieser Form in Deutschland, wenn es um Internetkonferenzen geht. Man schnappt hier und dort was auf, aber vor lauter Waren, die feilgeboten werden, bekommt man kein Metabild. Sprich, etwas Konkretes nehme ich nicht mit.", "So bleibt die old:publica für mich ein klasse Event mit einem sehr hohen Socializing-Faktor, einem geringen Infonutzwert und einem hohen Entertainment-Faktor.“
Desweiteren sind natürlich auch die technischen und räumlichen Probleme schon vielerorts thematisiert worden. Das Gedränge in der Kalkscheune war oft anstrengend und mit schöner Regelmäßigkeit hatte man keine Chance sich zur eigentlich avisierten Session durchzuschlagen, insbesondere wenn die vorhergehende Session ihren kompletten Zeitrahmen ausgereizt hat, denn reservierte Pausenzeiträume zwischen den Sessions gab es nicht. Die re:publica-Macher aber haben zumindest diese Problematik erkannt und für das kommende Jahr eine Abkehr von der Kalkscheune angekündigt. Ob es geschafft wird, dass das WLAN- oder zumindest das UMTS-Netz im kommenden Jahr der Last von 3.000 Heavy-Usern stand hält wage ich aber mal zu bezweifeln.
Und sonst?
Ich hab es leider verpasst, aber hätte ich das gewusst wär ich länger geblieben: Zum Abschluss gaben alle noch angetrieben von Johnny Haeusler von Spreeblick und seiner Ukulele den Queen-Klassiker Bohemian Rhapsody zum besten. Für mich steht jedenfalls schon fest, dass ich auch die re:publica 2012 besuchen werde und wie es ausschaut, wird dann auch noch der ein oder andere mehr von webvariants mit dabei sein.
Wer noch mehr „nachholen“ will, dem empfehle ich die umfangreiche Materialsammlung von Holger Rings und die Videomitschnitte von Christian Cordes sowie auf der offiziellen re:publica-Seite. Einige (Handy-)Bilder finden sich zudem in unserer Flickr-Galerie: [flickr album=72157626522790246 num=16 size=Square]
Dieser Beitrag wurde von Wolf Brüning am 29. April 2011 verfasst.
Kategorien: Messen & Konferenzen


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